13.3.: Seminar

Seminar
„Was der Reiter wissen muß, damit sein Reitpferd gesund bleibt“

Referentin: Physiotherapeutin Martina Stöhr

Neun Teilnehmer saßen am Morgen des 13. März 2010 um den Tisch im Vereinsraum des „Team Légèreté e.V.“ im Reitstall Wüstenkate in Kaltenkirchen.
Die Vorstellungsrunde diente nicht nur dazu, die Namen zu nennen und zu hören. Hier wurde durch die Berichte bereits deutlich, welch‘ große Vielfalt an Pferden im Besitz der Teilnehmer sind (14 Pferde der Rassen Isländer, Knabstrupper, Araber, Araber-Berber, Lusitano, Hannoveraner, Andalusier, Barockmix, Paso Fino und – dieser Bericht wurde
von den anderen mit Verblüffung und Spannung verfolgt – schwedische Kaltblut-Traber-Mixe) und mit welchen Erwartungen sie hierher gekommen waren. Zum Teil führten konkrete frühere oder aktuelle Probleme dazu, sich mit den Zusammenhängen von Skelett und Muskulatur auseinanderzusetzen, zum Teil der Wunsch, von vorneherein gesundheitliche Beeinträchtigungen ausschließen bzw. schneller erkennen und richtig deuten zu können.
Es ist allgemein auf diesem Gebiet eine hocherfreuliche Entwicklung erkennbar, wußte doch vor 10 Jahren noch kaum ein Reiter, daß es überhaupt Physiotherapie für Pferde gibt. Einige der Teilnehmer hatten bei undefinierbaren Lahmheiten bereits mehrere Hundert Euro in den Geldbeuteln von Tierärzten versenkt – erfolglos. Durch den Einsatz guter Physiotherapeuten waren diese Pferde innerhalb kurzer Zeit lahmfrei und das Wissen des Reiters oft um einige Zusammenhänge im Körper des Pferdes erweitert.

Wie in jedem Spezialgebiet gibt es auch gute und schlechte Physiotherapeuten. Den Teilnehmern des Seminares dürfte es nun deutlich leichter fallen, hier zu unterscheiden, da nach dem theoretischen Teil die komplette Behandlung eines extrem verspannten Pferdes beobachtet werden konnte. Der wunderschöne Barockpinto ließ sich von Martina Stöhr anfangs nicht einmal den Hals massieren, hielt wiederholt die Luft an, zeigte deutliche Anzeichen von Streß in der typischen Erwartungshaltung des Schmerzes, der Pferden zu eigen ist, die schon sehr lange mit Verspannungen leben und sich ein Bewegungsmuster angeeignet haben, das es ihnen möglich macht, mit diesem ständigen Schmerz zurecht zu kommen. Das mag jahrelang gut gehen und muß sich gar nicht in Lahmheiten ausdrücken – aber irgendwann hält ein solcher Körper den Spannungsschmerz nicht mehr aus und rebelliert. Soweit muß es nicht kommen!

Vor dieser spannenden Behandlung jedoch wurde anhand eines Scripts, das Martina Stöhr für die Teilnehmer zusammengestellt hatte, der Körper des Pferdes im Detail durchgearbeitet. Die Teilnehmer machten sich eifrig Notizen zu Wirbeln und Gelenken. Im Anschluß ging es an die Muskeln und deren Möglichkeiten. Die anwesenden Teilnehmer gehörten zwar im Vorwege schon nicht zu der Sparte, wo des Reiters Glück ein heruntergezogener Pferdekopf ist, jedoch wurde hier vielen noch mehr bewußt, wie wichtig das Augenmerk auf dem Motor des Pferdes, der Hinterhand, ist, damit überhaupt eine korrekte Dehnungshaltung vom Pferd eingenommen werden kann – und wie elementar wichtig diese, gerade in jungen Jahren, ist. „Treten sie hinten unter, fall’n sie vorne runter“ sagte die Referentin Martina Stöhr hierzu halb im Spaß.
Aus verschiedenen Büchern konnten die Teilnehmer zwischendurch an Bildern ihren Blick schulen – trat dieses Pferd tatsächlich von hinten nach vorne? Zeigte es Rückentätigkeit? War hier positive oder negative Spannung erkennbar? Sehr schnell wurden die Kommentare zu den Bildern mutiger und einheitlicher, es war zu spüren, daß alle sich bereits in irgendeiner Form Gedanken um die biomechanischen Zusammenhänge machten.
Der Verlauf und die Funktion des Nacken- und Rückenbandes incl. der Widerristkappe wurden deutlich. Auch ging Martina Stöhr auf die Paßform des Sattels ein – eines ihrer Lieblingsworte ist wohl „Lendenzacke“, was den einen oder anderen Teilnehmer im Schlaf verfolgt haben dürfte. Jedoch wird nun jeder Teilnehmer lässig überprüfen können, ob der eigene Sattel tatsächlich so gut paßt wie bislang angenommen.
Dieser Blick kann gar nicht gut genug geschult werden, da erfahrungsgemäß auch „Sattler“ hier häufig den Kunden Sättel – man muß schon „andrehen“ sagen – verkaufen, die auf dem Rücken dieses Pferdes nichts zu suchen haben. Jeder, der ein Reitpferd besitzt, muß sich hier einfach Wissen aneignen!
So wurde z.B. auch deutlich, daß (zu) lange Sättel flache Gänge produzieren, was bei Westernpferden ja durchaus erwünscht und durch Westernsättel noch provoziert wird. Um einem Pferd eine schöne Bergaufbewegung mit Aktion zu ermöglichen – und natürlich eine gute Biegsamkeit – ist die Lendenzacke zum Überprüfen der korrekten Länge des Sattels der elementare Ansatzpunkt.
Ebenfalls hochinteressant und für viele Teilnehmer gänzlich neu war Sitz und Verlauf der Brustmuskulatur und die Tatsache, daß bei Zerstörung einer dieser drei Muskelpartien (z.B. durch einen Impfschaden!) keine Seitwärtsbewegung des Vorderbeines mehr möglich ist. Da Verletzungen des Muskelgewebes durch Impfungen gar nicht so selten sind, sollte grundsätzlich in diesem Bereich nicht gespritzt werden.

So verlief der Vormittag mit dem ursprünglich deutlich kürzer geplanten Theorieteil spannend und unterhaltsam.

Vor der Mittagspause konnten die Teilnehmer dann die von Martina Stöhr so gut kommentierte Behandlung des wunderschönen Barockpintos verfolgen und jederzeit Fragen stellen. Zudem holte Martina Stöhr die Teilnehmer immer wieder an’s Pferd, um sie selbst fühlen zu lassen. Der 12jährige Wallach genoß die Behandlung zunehmend.
Martina machte deutlich, daß gravierende bzw. schon lange bestehende Blockaden nicht immer in der ersten Behandlung zu lösen sind, insbesondere, wenn insgesamt sehr viele Blockaden bestehen. Die Gefahr, daß das um die Blockade herumliegende Muskelgewebe die Blockade wieder in den „gewohnten“ Zustand zurück zieht ist groß, so daß hier mit Bedacht gearbeitet werden muß und die eine oder andere Blockade evtl. auch erst einmal in  ihrem Zustand belassen wird. Insbesondere, wenn sich hierdurch schon Stellungsveränderungen bzw. Arthrosen entwickelt haben, muß abgewägt werden, was dem Körper an Veränderung noch zugemutet werden kann.

Mit vielen Eindrücken und Gesprächsstoff gingen die Teilnehmer in die Mittagspause.
Das warme Essen ließ alle gestärkt und aufgewärmt in den Nachmittagsteil gehen – jetzt wurde es bunt.

Der 18jährige Hannoveraner Fàscino wurde mit Fingerfarben angemalt, was er stoisch ruhig, aber mit kritischem Blick verfolgte.
Rechts entstand nach und nach die grobe Struktur eines Skeletts auf dem Dunkelbraunen, bei dem der Oberarm anfangs sehr waagerecht verlief, was jedoch von der Künstlerin gut korrigiert werden konnte, nachdem der Verlauf der Knochen durch Beugen und Strecken des Vorderbeines logisch wurde. Fàscino ließ geduldig diverse Hände auf seinem Körper suchen und finden.
Auf der linken Seite prangten schließlich Muskelflächen, hier war insbesondere der Hals sehr anschaulich. Die weiß-rot-gelb-blauen Hände der malenden Teilnehmer erinnerten an Kindergartenzeiten, die Stimmung ebenfalls. Der Spaß ließ die Kälte zeitweise vergessen. Schon beim Malen gingen einigen Teilnehmer Lichter auf, erst Recht jedoch, als sich der „Hundertwasser-Fàscino“ in der Halle in Bewegung setzte. Die Teilnehmer konnten die aufgemalten Knochen und Muskeln in allen Gangarten beobachten, beim Wenden, in Dehnungshaltung und mit „Hirschhals“ und schließlich noch unter dem Reiter in den Bewegungen der Passage und des Terre à Terre. Außerdem zeigte Fàscino noch geduldig mehrfach Kompliment und ausdrucksvolle Pesaden, in denen er die Aufwölbung des Rückens (Kompliment) und die Hankenbeugung (Pesade) ausgezeichnet demonstrierte.

Gegen 18.00 Uhr verabschiedeten sich die Teilnehmer und fuhren gut gelaunt, beeindruckt und voller neuer oder aufgefrischter Informationen nach Hause.

Informationen zur Martina Stöhr sind unter „Mitglieder“ und unter www. pferdephysio.com zu finden.