7.7.: Ausbildern über die Schulter geschaut

Ein Abend mit Rabea Schmale

Am Abend des 7. Juli fuhren sieben unserer Mitglieder nach Minden, um in der „Show-Reit-Schule“ von Rabea Schmale Freiheitsdressur und die Wege dorthin hautnah zu erleben.
Rabea muss mit Petrus ein Abkommen gehabt haben – für ein paar Stunden riss der Himmel auf und die Sonne schaffte es sogar, ein wenig zu blenden, eine echte Ausnahmeerscheinung in diesen Tagen.
So wunderbar gepflegt und hübsch anzusehen sich die Anlage von Rabea Schmale auch darbot – überdacht war sie nicht, und so freuten wir uns, ihren Vorführungen auf dem wirklich schön gelegenen Reitplatz bei Sonnenschein folgen zu können.
Sie bot mit nur vier Pferden einen beeindruckenden Einblick in diesen Teil ihrer Arbeit. So stellte sie uns unter dem Motto „Die freiwillige Mitarbeit des Pferdes mit dem Menschen“ zuerst „Filou“ vor, einen vierjährigen Friesenhengst, der seit acht Wochen bei ihr in Ausbildung ist. Gelassen und vertraut mit seiner Umgebung betrat der Rappe mit einem Wahnsinnsschritt  das Viereck, auch seine weiteren Gangarten beeindruckten sehr. Losgelassen, fröhlich und aufmerksam war er bei der Sache, als Rabea mit ihm ihre Art des Longierens demonstrierte. Sah man ihr bei Aufnehmen der Longe in immer größer werdenden Schlaufen und bei dem peniblen bei-sich-tragen der Peitsche unter dem Arm noch ihre Zeit bei Richard Hinrichs an, so hat für sie doch inzwischen „Longieren“ nichts mehr mit „im Kreis um mich herum laufen lassen“ zu tun. Sie nutzte das ganze Viereck, während die Longe nach und nach länger wurde (aber immer mit Kontakt zum Pferd), baute Volten, Handwechsel  und Tempounterschiede ein, die so geschickt über ihre Körpersprache erzeugt wurden, dass hier schon ersichtlich wurde, dass dies später auch ohne Longe abrufbar werden wird. Sie ließ in über Körpersprache anhalten und meinte, wenn diese Dinge sicher gelingen, erwartet sie beim Anreiten keine Probleme, und so hat die Besitzerin schon die ersten Male auf diesem Pferd gesessen, der vor wenigen Wochen noch kaum zu führen war. Rabea gibt durchaus mal ein Leckerlie als Belohnung, weist jedoch sofort den Pferdekopf wieder von sich weg –„Das sind keine Schmusetiere! Ich schmuse wohl mit meinen Pferden, aber erst, wenn sie klar die Rangfolge akzeptiert haben!“
Filou war ganz Ohr, wurde mit Bestimmtheit immer wieder an seine Distanz erinnert und zeigte bei dem vermutlich ersten Applaus seines Lebens durchaus Anlagen für die Schulen über der Erde.

Als nächstes zeigte uns Rabeas Schülerin Anne mit ihrer 15jährigen Ponystute „Blessy“, was mit einem älteren Pferd zu erreichen ist, das einen ganz „normalen“ Werdegang in der üblichen Reiterei mit kleinen Turnierstarts hinter sich hat. Weder Pony noch Reiterin hatten zu dieser Zeit Berührung mit Freiheitsdressur oder ähnlichem und haben erst dazu gefunden, als Annes Beine für Blessy schlicht zu lang wurden. Um den Grundgehorsam und die benötigte Aufmerksamkeit der sehr wachen und dominanten Stute herzustellen, führte  Anne anfangs mit Kappzaum und rief Tempounterschiede, Halten und rückwärts richten auf Körpersignale ab.
Dann nahm sie den Kappzaum ab und ließ die Stute mit Halsring frei laufen, hier wurde schon eine beeindruckende Reaktionsschnelle – von beiden! – erkennbar. Schließlich stand Blessy in der Mitte, während Anne alle Beine anhob, um darunter durch zu wuseln und sich um sie herum zu winden. Derweil erzählte Rabea, was sie von den heute üblichen „Join-Up„-Methoden halte und sprach mir damit aus der Seele: Warum ein domestiziertes, erzogenes Pferd immer wieder von sich wegjagen? Es kommt arbeitsbereit in die Mitte und wird wieder weggeschickt? Dieses falsch verstanden Join Up hat sich vielerorts eingebürgert…
Inzwischen war Anne (von hinten) auf Blessy gesprungen und fegte mit ihr in rasantem Tempo um den Platz. Ohne viel Einsatz des Halsringes, aber durch sichtbare Körperverlagerung, stoppte die Stute so herzhaft, dass es Annes Sitzposition zeitweise fast in Gefahr brachte.
Der Versuch, die Stute abzulegen, klappte am Ende nicht. Dafür wurde das Kompliment immer besser – Rabea ließ Anne dann auch mit einem sehr guten Kompliment aufhören und meinte, dass sie solche Dinge nicht erzwingen lassen und es eben Tage gibt, wo man besser beraten ist, mit dem guten Kompliment aufzuhören, das sich aus den Ablegeversuchen ergab, als das Pferd in eine unangenehme Situation zu bringen, mit der es das Hinlegen später evtl. verbinden würde.
Anne machte für ihr jugendliches Alter einen wunderbar geduldigen und liebenswerten Eindruck, ohne es an der nötigen Körperspannung und Freude am Pferd vermissen zu lassen.
Überhaupt –Körperspannung! Freude am Pferd! An dieser Schülerin sah man, was Rabea mit diesen Worten meint, die sie immer wieder so eindringlich anbrachte. Die Energie im Menschen, die Freude, mit dem Pferd etwas tun zu dürfen, das ist es, was sie lebt und was sie –zumindest dieser Schülerin- ausgesprochen sichtbar weitergegeben hat.

An dem fünfjährigen Tinker (WAS für ein Pferd!!) „Buggy“ demonstrierte sie dann auch sehr anschaulich, was sich mit –und ohne- diese Körperspannung, diese Energie, diese Freude machen lässt.
Die noch recht vorsichtige Besitzerin führte den wuchtigen Wallach, ließ ihn halten und den Hals in die Tiefe dehnen, wobei ihm lange, tief angesetzte Ausbinder halfen – die ersten und einzigen Hilfszügel des Tages.
Ein Pferd mit so viel Masse kann man natürlich nicht abtraben oder Runde um Runde scheuchen – dann ist der für heute müde und irgendwann platt. Rabeas Ausdrucksweise ließ hier und da an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig…
Buggy machte alles ganz lieb und nett, gab sich genau so viel Mühe wie unbedingt nötig und wirkte etwas trampelig und eher langweilig. Er entsprach genau dem Klischee, dass einem bei solchen Pferden schnell einfällt, die da mit einem für ihre Größe ungeheuren Gewicht daherkommen. So sollte er ein betont langsames Schulterherein gehen mit sehr tiefer Nase und wurde immer wieder durch rückwärts richten daran erinnert, wer Distanz zu halten hat. Er zeigte Ansätze, dass mehr in ihm steckte, als er zu kurzen Übergängen vom Schritt in den Trab aufgefordert wurde und im Halten erste leichte Ungeduld und Vorwärtsdrang erkennen ließ. Trotzdem nicht gerade ein Hingucker – bis jetzt.
Bis Rabea ihn an die Hand nahm. Die ein ganz klares inneres Bild von dem in sich hatte, was sie wollte. Ihre Augen funkelten ihn an, die Gerte zischte einmal durch die Luft, sie war personifizierte Spannung und Energie und nach wenigen Sekunden, in denen sich dieses Pferd rundzuerneuern schien, piaffierte er !!
Diese Fleisch gewordenen zwei Öltanks wurden flink, agil, beweglich, Buggy kam aus sich heraus, zeigte eine Polka und schließlich einen Spanischen Schritt mit fliegenden Vorderbeinen in der Waagerechten, demonstrierte eine kontrollierte Pesade und ließ sich von Rabeas Bitte „ohne Winken!“ überhaupt nicht beeindrucken und winkte uns wiederholt zu, und nebenbei zeigte er Piaffe-Ansätze vom Feinsten.
Was für eine Wandlung! Was für eine Arbeitsfreude!
Hier haben sich ein Pferd, mit dem sich wahrlich nicht jeder abgeben würde, und ein Ausbilder gefunden.
Der Tinker, der nur für das Kompliment kam und dies am ersten Tag begriff, ist nun schon einige Wochen dort.
Bleibt zu hoffen, dass dies noch lange währt – die Besitzerin zumindest scheint nicht geneigt, Buggys Aufenthalt bei Rabea so bald ein Ende zu setzen. Es wäre allen dreien zu wünschen.

Als letztes kamen fas 900 Kilogramm Friese in die Bahn – Rabea zeigte ihren alten Kämpen „Arnold“, mit dem sie so viel erlebt hat. Seit 12 Jahren sind die beiden zusammen, kennen sich in- und auswendig, und so ging Rabea ohne viele Worte darauf ein, dass dies heute nicht einer der Tage sei, an denen Arnold das voll Programm zeigen könne, dies sei eher einer der Sparflammen-Tage. Der Wallach werde in eher kürzeren Reprisen gearbeitet und einmal pro Woche –O-Ton- „krass  geritten“. Was genau das heißt erläuterte sie nicht, aber dies dürfte der Tag sein, an dem sie ihm zu Wittigs zum Dressurtraining auf Grand-Prix-Niveau fährt…
Arnold zeigte frei Gangartenwechsel, Handwechsel – „Arnold, mach mal ne Drehung. Nee, ganz rum!“, Tempounterschiede, Kompliment, Polka und Spanischen Schritt, ein sicheres Ablegen und schließlich die Ansätze zu einem Schulsprung, an dem Rabea zur Zeit arbeitet. Sie ist dagegen, die Pferde hierfür an die Bande zu stellen, da ihr dort der Zwang zu groß ist, so dass sie Arnold in der Mitte piaffieren und daraus abheben ließ. Die Ansätze waren durchaus erkennbar und es bleibt abzuwarten, wie das in zwei, drei Jahren aussieht.
Ein schönes Paar – der riesige Friese mit der feinen Mähne und die dagegen wirklich klein wirkende Rabea, die mit diesem Pferd eindrucksvoll unter Beweis stell, dass Dominanz mit Körpergröße nichts zu tun hat.
Das Publikum wurde langsam mutiger, Fragen zu stell, und so wurde u.a. die Frage nach Bodenarbeit am Knotenhalfter gestellt. Rabea ließ eines bringen und demonstrierte an Arnold, was ihr daran zu verschwommen, zu unsicher in der Einwirkung ist und sprach sich eher dagegen aus – erst bei absoluten Grundgehorsam würde sie mit Knotenhalfter arbeiten, bei ihr herrscht der Kappzaun absolut vor.
Sie stellte auch sehr deutlich heraus, dass es nie soweit kommen darf, dass das Pferd die linke Schulter gegen den Menschen drückt bzw. der Mensch sich nie darauf einlassen sollte, seinerseits das Pferd an der linken Schulter (weg) zu drücken – schon rangniedrig! Jede Rangelei (insbesondere bei Hengsten) beginnt mit Drücken, Kneifen und Beißen an der Schulter, danach wird in die Beine gebissen um den anderen „in die Knie“ zu zwingen.
Und wenn mal etwas nicht klappt? !Ja, das ist doch gerade das Spannende! Was soll denn sonst Spaß machen? Wenn nicht die Dinge, für die man eine Lösung suchen muss, die schließlich klappt?!
Aber so ganz ohne Zwang…?
„Ich kann da auch mal raufhauen! Ich muss nur dabei fröhlich bleiben! Immer nett bleiben!“

Fazit: Kurz, aber beeindruckend. Mach Lust auf mehr, und dass sie mehr zu bieten hat, ist klar
Also: Wiederholenswert!

Team-Mitglieder am Rande des schönen Platzes bei Rabea Schmale

Filou

Buggy

Arnold in der Abendsonne